Der interreligiöse und weltanschauliche Dialog ist eines der etabliertesten Instrumente der Friedensförderung und des sozialen Zusammenhalts in Europa. Dennoch gibt es überraschend wenig Belege für seine Wirksamkeit. Begegnungen finden statt. Die Repräsentation ist gesichert. Doch nachhaltige Zusammenarbeit, gemeinsames bürgerschaftliches Handeln und dauerhafte Veränderungen in der Konfliktdynamik sind nach wie vor selten.
Jüngste Krisen haben schwierige Fragen hinsichtlich der Widerstandsfähigkeit von Dialoginitiativen in ganz Europa aufgeworfen: die theologische Legitimierung des Krieges gegen die Ukraine durch die russisch-orthodoxe Kirche, der Bruch im jüdisch-muslimischen Dialog nach dem 7. Oktober und dem Krieg im Gazastreifen sowie der zunehmende Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus trotz jahrzehntelanger interreligiöser Dialogprogramme.
Die unbequeme Frage, die dieser Workshop aufwirft, lautet nicht, wie man Dialogformate verbessern kann – sondern ob das Konzept des Dialogs selbst Teil des Problems geworden ist. Die meisten aktuellen Dialogpraktiken beruhen auf Annahmen, die selten hinterfragt werden: dass Begegnung Vorurteile abbaut, dass unter doktrinären Unterschieden eine gemeinsame Menschlichkeit zutage treten kann und dass Religionsgemeinschaften kohärente Partner sind, die in der Lage sind, mit einer Stimme zu sprechen. Diese Annahmen verdienen eine genaue Prüfung. Sie sind möglicherweise nicht nur empirisch fragil – sie könnten auch aktiv die Machtasymmetrien, die interne Heterogenität und die tatsächlichen Interessenkonflikte verschleiern, für deren Bewältigung strukturierte interreligiöse Räume nie konzipiert wurden.
Der Workshop wendet sich daher von der Methodik ab, um grundlegendere Fragen zu stellen:
Eine weitere Herausforderung ergibt sich aus transhumanistischen Entwicklungen wie kognitiver Leistungssteigerung, digitaler Identität, der Verschmelzung von Mensch und KI sowie der technologischen Infragestellung von Endlichkeit und Körperlichkeit. Diese Entwicklungen verändern bereits jetzt, was es bedeutet, in einer Gemeinschaft Mensch zu sein. Und damit auch die Frage, wer der Dialogpartner eigentlich ist.
Durch die Einbeziehung von Perspektiven aus der Konfliktforschung betrachtet der Workshop den Dialog nicht als Harmonieprojekt, sondern als ernsthafte Form der Konfliktbearbeitung. Er fragt, was der Dialog realistisch erreichen kann, wo seine strukturellen Grenzen liegen und welche normativen Grundlagen für einen Rahmen notwendig sind, der Spannungen nicht ausweicht, sondern sie als den eigentlichen Ort demokratischer Arbeit behandelt.
Das Ziel ist nicht Kritik um der Kritik willen, sondern die Neugestaltung: die Entwicklung eines Dialogkonzepts, das anthropologisch fundiert, konfliktbewusst, transhumanistisch kompetent und ehrlich in Bezug auf die Grenzen des Dialogs ist. Der Workshop wird mehrere wichtige europäische Akteure im Bereich des interreligiösen und weltanschaulichen Dialogs sowie Vertreter bedeutender europäischer Dialoginitiativen zusammenbringen. Ihre praktischen Erfahrungen werden als Ausgangspunkt dienen, um diese grundlegenden Fragen aus der Perspektive der dialogischen Praxis zu erörtern.
In einer Kombination aus Workshops, interaktiven Sitzungen und dem Austausch mit Expert*innen werden die Teilnehmer*innen die Herausforderungen und Möglichkeiten der zeitgenössischen Dialogpraxis erkunden. Ein besonderer Schwerpunkt des Programms liegt auf der Auseinandersetzung mit Konflikten, der kritischen Reflexion bestehender Dialogansätze und der Entwicklung neuer Perspektiven für den interreligiösen und weltanschaulichen Dialog.
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14. – 18. März 2026 | Brüssel, Belgien
Nachhaltiger Dialog erfordert mehr als bloßen Austausch; er braucht tragfähige Strukturen, die Krisen standhalten. Vertrauen kann nur dann wieder aufgebaut werden, wenn Dialog über Zustimmung hinausgeht und sich mit tiefgreifenden Differenzen auseinandersetzt – und wenn Menschen mit den notwendigen Werkzeugen ausgestattet sind, um Desinformation zu erkennen und in einen fundierten, reflektierten Dialog zu treten.
Europas Dialoginfrastruktur versagt in dem Moment, in dem sie am dringendsten gebraucht wird. Die Anschläge vom 7. Oktober, der Krieg in Gaza, Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine – diese Krisen haben nicht nur geopolitische Bruchlinien vertieft, sondern die grundlegenden Bedingungen öffentlicher Debatten verändert. Wie Igor Mitchnik von Austausch e.V. es formulierte: „Menschen, die zuvor miteinander gesprochen haben, hören auf zu reden, und Worte, die einst verbunden haben, beginnen zu trennen.“ Räume, die über Jahrzehnte aufgebaut wurden, brechen innerhalb weniger Tage zusammen. Algorithmen belohnen Empörung, Narrative verhärten sich, und Institutionen greifen auf Dialogformate zurück, die für eine Welt entwickelt wurden, die so nicht mehr existiert. Etwas muss sich verändern – und es werden nicht die Konflikte sein.
Der Future 500 Spring Workshop ging von einer klaren Prämisse aus: Dialog kann nicht auf Konsens abzielen, wenn bereits die gemeinsame Grundlage umstritten ist. Ziel ist es, im Gespräch zu bleiben – trotz Konflikt. Es geht um eine Verschiebung von „safe spaces“ hin zu dem, was die Teilnehmenden als „braver spaces“ bezeichneten. Die Sitzungen untersuchten, wie Framing, Desinformation und algorithmische Steuerung Polarisierung vorantreiben; wie Antisemitismus, Rassismus und die Israel–Palästina-Debatte von historischen Prägungen geprägt sind, die in aktuellen Diskussionen oft unzureichend berücksichtigt werden; und wie KI-gestützte Systeme öffentliche Debatten in demokratischen Gesellschaften prägen – und möglicherweise auch verändern können. Besonders prägend waren hier die Beiträge aus dem EU-geförderten TWON-Projekt. Simulationen und Gruppenszenarien machten diese Fragen konkret erfahrbar. Ebenso die Einblicke in zivilgesellschaftliche Arbeit in Konflikt- und Postkonfliktkontexten Osteuropas, wo Engagement unter Bedingungen stattfindet, die viele westliche Akteur*innen so nicht kennen.
Den Höhepunkt bildete eine öffentliche Paneldiskussion in der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen in Brüssel, bei der Expert*innen aus Journalismus, Wissenschaft, Bildungsarbeit und Zivilgesellschaft aus unterschiedlichen Perspektiven über die aktuellen Herausforderungen von Dialog ins Gespräch kamen. Der Austausch war unmittelbar und nicht inszeniert: Perspektiven wurden hinterfragt, weiterentwickelt und miteinander in Beziehung gesetzt. Der Titel des Abends – „Voices Rising: Rebuilding Bridges. Dialogue, Trust and Solidarity Post-October 7th“ – erwies sich als treffende Beschreibung eines Abends, an dem unterschiedliche Stimmen sichtbar wurden und aktiv in den Austausch traten.
Weitere Informationen zu den einzelnen Sessions und Speaker*innen finden Sie im vollständigen Workshop-Programm.
Der Workshop in Brüssel hat eines deutlich gemacht: Dialog in Europa steht nicht nur unter Druck – er befindet sich in einem strukturellen Wandel. Digitale Infrastrukturen, geopolitische Brüche und sich verändernde gesellschaftliche Dynamiken bestimmen neu, wer spricht, wie gesprochen wird und unter welchen Bedingungen Vertrauen überhaupt entstehen kann. Traditionelle Formate halten mit diesen Entwicklungen nicht Schritt.
Was Future 500 in Brüssel gezeigt hat, war mehr als ein weiteres Zusammenkommen: Es war ein Argument dafür, dass der Wiederaufbau von Vertrauen sowohl Beziehungsarbeit als auch strukturelle Weiterentwicklung erfordert – und dass echter Austausch die Bereitschaft voraussetzt, sich auf Ungewissheit, Ambivalenz und Differenz einzulassen. Vor allem aber wurde etwas bestätigt, das in Debatten über digitale Tools und systemische Veränderungen leicht übersehen wird: Persönliche Begegnung bleibt zentral. Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen in einen gemeinsamen Raum zu bringen – jenseits festgefahrener Positionen und über Konfliktlinien hinweg – ist weiterhin eine Voraussetzung für Dialog, insbesondere dort, wo Gespräche sonst gar nicht mehr stattfinden würden.
Nächste Schritte
Aufbauend auf diesen Impulsen wird das Future 500-Programm im kommenden Workshop noch einen Schritt weitergehen und den Blick stärker auf den Dialogbegriff selbst richten. Im Zentrum steht die Frage, ob das derzeitige Verständnis von Dialog noch ausreicht – oder ob es einer grundlegenderen Neubewertung seiner Annahmen, Grenzen und normativen Grundlagen bedarf. Statt primär danach zu fragen, wie Dialog verbessert werden kann, wird es darum gehen zu prüfen, ob bestehende Ansätze möglicherweise auch dazu beitragen, genau jene Spannungen zu überdecken, die sie eigentlich sichtbar machen sollen.
5.–7. Juli 2026 | Future 500 Summer Workshop 2026 | Berlin
























16. März 2026 | 19 Uhr (Einlass: 18:30 Uhr)
Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen bei der Europäischen Union, Brüssel
Mit Camila Piastro (European Union of Jewish Students),
Barbara von Freytag (Journalist, Political Analyst),
Furkan Yüksel (Political Educator),
Prof. Dr. Achim Rettinger (Trier University, TWON)
Moderation: Igor Mitchnik (Executive Director, Austausch e.V.)
Der Zusammenbruch des interreligiösen Dialogs nach dem 7. Oktober hat gezeigt, dass ein Dialog ohne strukturelle Veränderungen zu fragil ist, um Krisen zu überstehen, während Politik ohne Beziehungen hohl ist. Gleichzeitig gewinnt der Autoritarismus in demokratischen Strukturen an Boden, da den Institutionen die Instrumente fehlen, um ihn von innen heraus zu bekämpfen. Die europäischen Gesellschaften stehen nun vor einer Reihe von Krisen: Algorithmische Kuratierung und KI-gesteuerte Kommunikation verändern den öffentlichen Diskurs, während sich die interreligiöse Polarisierung, Spannungen aufgrund von Vertreibung, Desinformation und die Erosion der Dialogfähigkeit verschärfen. Diese sich überschneidenden Herausforderungen erfordern nachhaltige Lösungen, die sowohl strukturelle Resilienz als auch vertrauensvolle Beziehungen aufbauen.
Die öffentliche Podiumsdiskussion befasst sich mit kritischen Fragen: Wie kann der Dialog nach Krisen und kollektiven Traumata wieder aufgebaut werden? Wie prägen KI, Plattformen und Medien Narrative und interreligiöse Beziehungen? Was können uns Praktiker, die sich mit Krieg, Diskriminierung und Gemeinschaftsaktivismus befassen, lehren? Wie schaffen wir Räume – online und offline –, die Vertrauen und echte Gespräche stärken?
Gemeinsam mit internationalen Expert*innen werden wir untersuchen, wie digitale Technologien, Medienberichte und Gemeinschaftspraktiken sich gegenseitig beeinflussen – indem sie Spaltungen verstärken oder Wege eröffnen, um den Dialog wieder aufzunehmen, die Solidarität zu stärken und die demokratische Kultur durch grenzüberschreitende Zusammenarbeit zu erneuern.
Der Future 500 Frühjahrs Workshop “Rebuilding Bridges: Dialogue, Trust and Solidarity Post October 7th”bringt junge europäische Führungskräfte aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen, um die wichtigsten Fragen zu erörtern, die den Dialog und den sozialen Zusammenhalt heute prägen:
Die europäischen Gesellschaften sehen sich angesichts sich verschärfender Krisen einer zunehmenden sozialen Fragmentierung gegenüber. Digitale und analoge Umgebungen beeinflussen zunehmend, wie Gemeinschaften Ereignisse interpretieren, Konflikte bewältigen und Vertrauen aufbauen. Algorithmische Kuration, KI-gesteuerte Kommunikation und sich wandelnde Medienökologien verändern soziale Beziehungen und den öffentlichen Diskurs grundlegend.
Diese Veränderungen gehen einher mit wachsenden gesellschaftlichen Herausforderungen: interreligiöse Polarisierung, durch Vertreibung bedingte soziale Spannungen, zunehmende Desinformation und die Erosion der Dialogfähigkeit nach kollektiven Traumata. Doch dieser kritische Wendepunkt eröffnet auch neue Möglichkeiten für eine erneuerte Zusammenarbeit und demokratisches Engagement.
Das Future 500 Programm lädt Sie ein, sich den Herausforderungen dieser dringenden Veränderungen zu stellen. In Zusammenarbeit mit TWON (Twin of Online Social Networks) und führenden internationalen Experten werden wir untersuchen, wie digitale Technologien, traditionelle Medienberichte und Gemeinschaftspraktiken sich überschneiden – wie sie Spaltung und Misstrauen verstärken können, aber auch, wie sie Wege für den Wiederaufbau des Dialogs, die Stärkung der Solidarität und die Erneuerung der demokratischen Kultur eröffnen können.
In Workshops, interaktiven Sitzungen, Simulationen, öffentlichen Veranstaltungen und Begegnungen mit Expert*innen werden die Teilnehmer*innen sowohl die Risiken als auch die Möglichkeiten unserer digitalen und sozialen Umgebungen erkunden, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der Wiederherstellung des Vertrauens zwischen gespaltenen Gemeinschaften liegt.
Der Workshop wird in Zusammenarbeit mit TWON (Twin of Online Social Networks) organisiert, einem von der EU finanzierten Projekt, das sich zum Ziel gesetzt hat, die potenziell schädlichen Auswirkungen sozialer Online-Netzwerke (OSNs) auf demokratische Debatten zu untersuchen und der Europäischen Kommission strategische Empfehlungen für eine mögliche Regulierung von Technologieunternehmen oder Plattformbetreibern zu unterbreiten.
Future 500 vernetzt junge europäische Führungskräfte aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Zivilgesellschaft, um durch internationalen interreligiös-weltanschaulichen und interkulturellen Dialog konkrete gesellschaftspolitische Initiativen zu entwickeln und diese in der europäischen Zivilgesellschaft umzusetzen.
7.-11. Oktober 2025
Ort: Venedig, Italien
DialoguePerspectives e.V. in Partnerschaft mit dem Centro Tedesco di Studi Veneziani
Europas Fähigkeit, religiöse und kulturelle Pluralität zu gestalten, wird grundlegend über seine zukünftige Stabilität und seinen Zusammenhalt entscheiden. Der Future 500 European Leadership Workshop 2025 nutzte Venedigs historische Erfahrung mit religiöser und kultureller Vielfalt als methodischen Rahmen zur Untersuchung gegenwärtiger interreligiöser und weltanschaulicher Beziehungen und demonstrierte, dass historische Präzedenzfälle unverzichtbare Orientierung für die Bewältigung heutiger Herausforderungen bieten. Das Programm versammelte 20 gegenwärtige und künftige europäische Führungspersönlichkeiten mit vielfältigen beruflichen, geografischen und fachlichen Hintergründen zu einer intensiven kollaborativen Analyse historischer Modelle und ihrer zeitgenössischen Anwendungen. Der Workshop befasste sich mit allen Dimensionen der Arbeit von Future 500: der Untersuchung der Rolle von Religionen und Weltanschauungen in pluralistischen Gesellschaften, der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Erinnerungskulturen und der Entwicklung von Strategien zur Bekämpfung von Antisemitismus und Rassismus. Die Ergebnisse belegen, dass das Zusammenbringen pluralistischer Kohorten engagierter Personen mit unterschiedlichen Hintergründen zur Bewältigung gegenwärtiger Herausforderungen durch kollaboratives Lernen und Zusammenarbeit substanzielle Resultate erzielt. Dieser Ansatz stellt ein replizierbares und skalierbares Modell für europäische Zusammenarbeit dar, das Stärkung und Ausweitung verdient.


Der Workshop begann mit einer Keynote von Prof. Dr. Rafael Arnold (Universität Rostock), der aufzeigte, wie das Ghetto als Miniaturdarstellung jüdischer Existenz diente – ein Raum, der durch unterschiedliche Herkünfte, Sprachen und religiöse Praktiken definiert war. Führungen durch die Scola Italiana und Scola Spagnola Synagogen offenbarten, wie Venedigs jüdische Bevölkerung ihre einzigartigen Identitäten bewahrte und zugleich aktiv an der öffentlichen Sphäre der Stadt teilnahm. In seiner Präsentation Planetary Ghetto: Past, Present, Future Misunderstandings untersuchte Prof. Dr. Shaul Bassi (Ca‘ Foscari Universität Venedig; Beit Venezia), wie moderner antisemitischer Diskurs auf verfälschten historischen Darstellungen jüdischer Gemeinschaften beruht. Er charakterisierte das Ghetto als dynamisches Zentrum intellektueller Aktivität und Widerstandsfähigkeit und zog Verbindungen zwischen dem Venedig des 16. Jahrhunderts und gegenwärtigen Auseinandersetzungen mit Antisemitismus und klimabedingter Vertreibung. Dr. Francesco Piraino (Cini Foundation) analysierte, wie die muridischen senegalesisch-italienischen Künstler Maïmouna Guerresi und Moulay Niang kreativen Ausdruck mit spiritueller Auseinandersetzung verbinden, um Rassismus und Sexismus zu konfrontieren. Mit Verweis auf Venedigs multireligiöses Erbe – einschließlich jüdischer, armenischer und christlicher Bevölkerungen, die Seite an Seite lebten – illustrierte er die Fähigkeit der Kunst, theologische und kulturelle Unterschiede zu überbrücken. Der in Berlin lebende Schriftsteller Deniz Utlu las aus seinem Roman „Vaters Meer“ und diskutierte mit Petra Schäfer (Centro Tedesco di Studi Veneziani), wie individuelle und kollektive Erinnerungen an Migration und Identität sich überschneiden und den Dialog in pluralistischen Gesellschaften zu bereichern. Matteo Gabrielli leitete eine Führung, die Venedigs historische Ansätze zum Umgang mit Vielfalt hervorhob: selbstverwaltete, aber verbundene Gemeinschaften, zunftbasierte wirtschaftliche Partnerschaft, gerechte Rechtsstrukturen und religiöse Pluralismusmechanismen, die den sozialen Zusammenhalt bewahrten.

In einem World-Café-Format präsentierten die Teilnehmer*innen ihre eigenen Projekte, vertieften die Kontextualisierung der Workshop-Themen durch praktische Beispiele und förderten disziplinübergreifenden Dialog. Im gesamten Programm waren die Diskussionen durchdrungen vom Bewusstsein für drängende zeitgenössische Herausforderungen: die allgegenwärtige Klimakrise und ihre Auswirkungen auf Vertreibung und sozialen Zusammenhalt sowie das im Nahen Osten in Vorbereitung befindliche Friedensabkommen, das einen aktuellen Hintergrund für Reflexionen über Dialog und Konfliktlösung bot.
Vier Kernprinzipien kristallisierten sich in diesen Sitzungen heraus:

Die 20 Teilnehmer*innen – aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Kunst und religiösen Institutionen – wendeten diese Erkenntnisse an, um ein kollaboratives Policy Paper weiterzuentwickeln: Strengthening European Unity Through Faith and Worldview Engagement. Dieses Policy Paper überträgt historisches Lernen in konkrete Vorschläge in vier Bereichen: Partnerschaft mit Glaubensgemeinschaften zur Stärkung des sozialen Zusammenhalts und Harmonisierung religiöser Vielfalt mit kollektiven Prinzipien, Umgang mit Erinnerungskulturen, Bekämpfung von Antisemitismus und Rassismus. Die Ergebnisse werden Ende 2025 im DialoguePerspectives e.V. Bericht veröffentlicht und bieten praktische Orientierung für politische Entscheidungsträger*innen, zivilgesellschaftliche Organisationen sowie religiöse Gemeinschaften in ganz Europa.
Der Workshop bekräftigte, dass historische Einsicht für zeitgenössischen Pluralismus notwendig bleibt: Venedigs jahrhundertelange Erfahrung offenbart sowohl das Versprechen als auch die Komplexität des Zusammenlebens mit Differenz. Das entstehende Netzwerk von Führungspersönlichkeiten wird diese Einsichten weiterhin in ganz Europa vorantreiben und die Mission von Future 500 verstärken, Einheit durch Vielfalt zu stärken.
7. – 9. Oktober 2025
Chemnitz, Deutschland
Algorithmen entscheiden heute darüber, welche Geschichte(n) und Erinnerung(en) überleben und welche in digitaler Vergessenheit verschwinden – und damit ist die Frage, wie Europa sich an seine Vergangenheit erinnert, zu einem Schlachtfeld für die Demokratie selbst geworden. Während sich die Polarisierung vertieft und gemeinsame Narrative zerbrechen, ist Erinnerung längst keine Frage mehr von Denkmälern und Gedenkstätten – sie wird zunehmend durch profitorientierte Plattformen, emotionale Dynamiken und digitale Architekturen geformt, die kollektives Gedächtnis privatisieren und fragmentieren. Vor diesem Hintergrund versammelten sich in Chemnitz – einer Stadt, die sich als Kulturhauptstadt Europas neu erfindet und sich gleichzeitig mit ihrer eigenen herausfordernden Geschichte auseinandersetzt – Künstler*innen, zivilgesellschaftliche Aktivist*innen und digitale Expert*innen, um die Erinnerung aus den Randbereichen des Internets zurückzuerobern. Ihre Aufgabe: zu beweisen, dass demokratische Erinnerungsarbeit nicht nur digitale Fragmentierung überleben kann, sondern stärker, partizipativer und inklusiver daraus hervorgehen kann als je zuvor.

(Foto: Natalia Reich)
Als Antwort auf diese Herausforderung kollaborierten die Programme von DialoguePerspectives e.V. – Future 500, Coalition for Pluralistic Public Discourse (CPPD), Dagesh – Jewish Art in Context) – mit dem EU-finanzierten Forschungsprojekt TWON, um Erinnerungskultur mit digitaler Bildung und demokratischer Partizipation zu verbinden.

In einer Stadt, die von Erneuerung und herausfordernden Geschichten geprägt ist, und im Kontext der Kulturhauptstadt Europas förderte die Zusammenarbeit innovative Ansätze für inklusive Erinnerung. Sie demonstrierte, dass kollektives Gedächtnis durch Zusammenarbeit und kritische Auseinandersetzung digitaler Fragmentierung standhalten und stärker sowie partizipativer hervorgehen kann.
Das Programm brachte Künstler*innen, lokale Organisationen, Expert*innen und zivilgesellschaftliche Akteur*innen zusammen, um neue Formen der Erinnerung im digitalen Zeitalter zu erkunden. Durch Aufführungen, Workshops und öffentliche Diskussionen untersuchten die Teilnehmer*innen die Schnittstelle von Technologie, Kultur und lokalen Geschichten bei der Gestaltung kollektiven Gedächtnisses.

(Fotos: Anne Schober)
Mit einem Konzert und einem Künstlergespräch von Alex Stolze und Daniel Laufer als Teil von Dagesh Studio on the Road – #Sukkot Edition begann der Workshop. Alex Stolzes Album Raash ve Ruach reflektiert die Ereignisse des 7. Oktober 2023 und die Resilienz jüdischen Lebens heute. Dieser künstlerische Auftakt gab den Ton für die folgenden Tage vor und präsentierte Erinnerung als lebendigen, dialogischen Prozess. Interaktive Formate wie das TWON Citizen Lab luden Teilnehmer*innen und die Öffentlichkeit ein, die Art und Weise zu erleben, wie digitale Plattformen emotionale Dynamiken und öffentliche Meinung strukturieren, und regten zur Reflexion über Transparenz und Rechenschaftspflicht im Netz an. Diskussionen über politische Erinnerungsarbeit und kreativen Widerstand erkundeten, wie Erinnerung über Gemeinschaften und Plattformen hinweg praktiziert werden kann, während eine Sitzung über die vietnamesische Diaspora in Chemnitz Migrationsgeschichten, Gemeinschaftserinnerungen und Rassismuserfahrungen in den Vordergrund rückte.
Das öffentliche Panel „Practices of Remembrance in Digital Spaces“ mit Dr. Jonas Fegert, Nhi Le, Susanne Siegert und Moderator Benjamin Fischer brachte die Diskussion zu einem breiteren Publikum, indem es untersuchte, wie KI und soziale Medien traditionelle Erinnerungsformen nicht nur herausfordern, sondern auch neue Möglichkeiten für digitale Erinnerungsarbeit eröffnen – ihre Reichweite, Zugänglichkeit und kreativen Ausdruck durch Plattformen wie digitale Archive und interaktive Formate erweitern. Das Panel fand im Offenen Prozess – Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex statt, einem besonders bedeutsamen Ort, da er sich mit dem Erbe rechter Gewalt auseinandersetzt und kritische, partizipative Ansätze für Erinnerung und Gerechtigkeit im zeitgenössischen Deutschland fördert.

Indem das Programm vielfältige Perspektiven verband – von lokalen Geschichten bis zu digitaler Ethik – verwandelte es Chemnitz in ein Labor für gemeinsame Erinnerung. Es demonstrierte, wie kollaborative Initiativen komplexe Geschichten in gemeinsame Verantwortung übersetzen können und dabei sowohl kulturelle Partizipation als auch demokratische Resilienz stärken.
Der Chemnitz Study Trip machte eines deutlich: Erinnerung im digitalen Zeitalter muss partizipativ sein und sich der Machtstrukturen kritisch bewusst sein. Der Workshop bekräftigte die einzigartige Rolle von Future 500 und DialoguePerspectives e.V. mit seinen verschiedenen Programmen als interreligiös-weltanschauliche Plattform zur Förderung von Pluralismus online und offline. Demokratisches Gedächtnis heute zu verteidigen bedeutet, die Räume zu verteidigen, in denen es geteilt, diskutiert und transformiert wird – sowohl online als auch offline.