Rückblick: Future 500 Spring Workshop 2026 “Rebuilding Bridges. Dialogue, Trust and Solidarity Post October 7th”

14. – 18. März 2026 | Brüssel, Belgien

Nachhaltiger Dialog erfordert mehr als bloßen Austausch; er braucht tragfähige Strukturen, die Krisen standhalten. Vertrauen kann nur dann wieder aufgebaut werden, wenn Dialog über Zustimmung hinausgeht und sich mit tiefgreifenden Differenzen auseinandersetzt – und wenn Menschen mit den notwendigen Werkzeugen ausgestattet sind, um Desinformation zu erkennen und in einen fundierten, reflektierten Dialog zu treten.

Europas Dialoginfrastruktur versagt in dem Moment, in dem sie am dringendsten gebraucht wird. Die Anschläge vom 7. Oktober, der Krieg in Gaza, Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine – diese Krisen haben nicht nur geopolitische Bruchlinien vertieft, sondern die grundlegenden Bedingungen öffentlicher Debatten verändert. Wie Igor Mitchnik von Austausch e.V. es formulierte: „Menschen, die zuvor miteinander gesprochen haben, hören auf zu reden, und Worte, die einst verbunden haben, beginnen zu trennen.“ Räume, die über Jahrzehnte aufgebaut wurden, brechen innerhalb weniger Tage zusammen. Algorithmen belohnen Empörung, Narrative verhärten sich, und Institutionen greifen auf Dialogformate zurück, die für eine Welt entwickelt wurden, die so nicht mehr existiert. Etwas muss sich verändern – und es werden nicht die Konflikte sein.

Der Future 500 Spring Workshop ging von einer klaren Prämisse aus: Dialog kann nicht auf Konsens abzielen, wenn bereits die gemeinsame Grundlage umstritten ist. Ziel ist es, im Gespräch zu bleiben – trotz Konflikt. Es geht um eine Verschiebung von „safe spaces“ hin zu dem, was die Teilnehmenden als „braver spaces“ bezeichneten. Die Sitzungen untersuchten, wie Framing, Desinformation und algorithmische Steuerung Polarisierung vorantreiben; wie Antisemitismus, Rassismus und die Israel–Palästina-Debatte von historischen Prägungen geprägt sind, die in aktuellen Diskussionen oft unzureichend berücksichtigt werden; und wie KI-gestützte Systeme öffentliche Debatten in demokratischen Gesellschaften prägen – und möglicherweise auch verändern können. Besonders prägend waren hier die Beiträge aus dem EU-geförderten TWON-Projekt. Simulationen und Gruppenszenarien machten diese Fragen konkret erfahrbar. Ebenso die Einblicke in zivilgesellschaftliche Arbeit in Konflikt- und Postkonfliktkontexten Osteuropas, wo Engagement unter Bedingungen stattfindet, die viele westliche Akteur*innen so nicht kennen.

Den Höhepunkt bildete eine öffentliche Paneldiskussion in der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen in Brüssel, bei der Expert*innen aus Journalismus, Wissenschaft, Bildungsarbeit und Zivilgesellschaft aus unterschiedlichen Perspektiven über die aktuellen Herausforderungen von Dialog ins Gespräch kamen. Der Austausch war unmittelbar und nicht inszeniert: Perspektiven wurden hinterfragt, weiterentwickelt und miteinander in Beziehung gesetzt. Der Titel des Abends – „Voices Rising: Rebuilding Bridges. Dialogue, Trust and Solidarity Post-October 7th“ – erwies sich als treffende Beschreibung eines Abends, an dem unterschiedliche Stimmen sichtbar wurden und aktiv in den Austausch traten.

Weitere Informationen zu den einzelnen Sessions und Speaker*innen finden Sie im vollständigen Workshop-Programm.

Der Workshop in Brüssel hat eines deutlich gemacht: Dialog in Europa steht nicht nur unter Druck – er befindet sich in einem strukturellen Wandel. Digitale Infrastrukturen, geopolitische Brüche und sich verändernde gesellschaftliche Dynamiken bestimmen neu, wer spricht, wie gesprochen wird und unter welchen Bedingungen Vertrauen überhaupt entstehen kann. Traditionelle Formate halten mit diesen Entwicklungen nicht Schritt.

Was Future 500 in Brüssel gezeigt hat, war mehr als ein weiteres Zusammenkommen: Es war ein Argument dafür, dass der Wiederaufbau von Vertrauen sowohl Beziehungsarbeit als auch strukturelle Weiterentwicklung erfordert – und dass echter Austausch die Bereitschaft voraussetzt, sich auf Ungewissheit, Ambivalenz und Differenz einzulassen. Vor allem aber wurde etwas bestätigt, das in Debatten über digitale Tools und systemische Veränderungen leicht übersehen wird: Persönliche Begegnung bleibt zentral. Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen in einen gemeinsamen Raum zu bringen – jenseits festgefahrener Positionen und über Konfliktlinien hinweg – ist weiterhin eine Voraussetzung für Dialog, insbesondere dort, wo Gespräche sonst gar nicht mehr stattfinden würden.

Nächste Schritte

Aufbauend auf diesen Impulsen wird das Future 500-Programm im kommenden Workshop noch einen Schritt weitergehen und den Blick stärker auf den Dialogbegriff selbst richten. Im Zentrum steht die Frage, ob das derzeitige Verständnis von Dialog noch ausreicht – oder ob es einer grundlegenderen Neubewertung seiner Annahmen, Grenzen und normativen Grundlagen bedarf. Statt primär danach zu fragen, wie Dialog verbessert werden kann, wird es darum gehen zu prüfen, ob bestehende Ansätze möglicherweise auch dazu beitragen, genau jene Spannungen zu überdecken, die sie eigentlich sichtbar machen sollen.

5.–7. Juli 2026 | Future 500 Summer Workshop 2026 | Berlin

 

 

 

 

 

Call for Applications | Microgrants 2026

Future 500 vergibt Microgrants an junge europäische Fachkräfte zur Unterstützung innovativer Initiativen, die den interreligiösen und weltanschaulichen Dialog in ganz Europa fördern.

Bewerbungen sind ab sofort möglich:

Zeitplan

Wie kann man sich bewerben?

Microgrants stehen jungen europäischen Fachkräften zur Verfügung, die sich aktiv am Future 500-Programm beteiligen. Finanziert werden Projekte, die aktiv Pluralität fördern, einen offenen Dialog anregen und sich mit den drängendsten gesellschaftlichen Problemen befassen, mit denen Europa heute konfrontiert ist. Multilaterale Kooperationen werden besonders gefördert.

Die Auswahl der Projekte erfolgt nach folgenden Kriterien:

Bewerbungen können bis zum 31. März 2026 eingereicht werden.

Spring Workshop 2026 | Panel Anmeldung

“Voices Rising: Rebuilding Bridges. Dialogue, Trust and Solidarity Post-October 7th”

16. März 2026 | 19 Uhr (Einlass: 18:30 Uhr)
Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen bei der Europäischen Union, Brüssel

 

Mit Camila Piastro (European Union of Jewish Students),
Barbara von Freytag (Journalist, Political Analyst),
Furkan Yüksel (Political Educator),
Prof. Dr. Achim Rettinger (Trier University, TWON)
Moderation: Igor Mitchnik (Executive Director, Austausch e.V.)

 

Der Zusammenbruch des interreligiösen Dialogs nach dem 7. Oktober hat gezeigt, dass ein Dialog ohne strukturelle Veränderungen zu fragil ist, um Krisen zu überstehen, während Politik ohne Beziehungen hohl ist. Gleichzeitig gewinnt der Autoritarismus in demokratischen Strukturen an Boden, da den Institutionen die Instrumente fehlen, um ihn von innen heraus zu bekämpfen. Die europäischen Gesellschaften stehen nun vor einer Reihe von Krisen: Algorithmische Kuratierung und KI-gesteuerte Kommunikation verändern den öffentlichen Diskurs, während sich die interreligiöse Polarisierung, Spannungen aufgrund von Vertreibung, Desinformation und die Erosion der Dialogfähigkeit verschärfen. Diese sich überschneidenden Herausforderungen erfordern nachhaltige Lösungen, die sowohl strukturelle Resilienz als auch vertrauensvolle Beziehungen aufbauen.

Die öffentliche Podiumsdiskussion befasst sich mit kritischen Fragen: Wie kann der Dialog nach Krisen und kollektiven Traumata wieder aufgebaut werden? Wie prägen KI, Plattformen und Medien Narrative und interreligiöse Beziehungen? Was können uns Praktiker, die sich mit Krieg, Diskriminierung und Gemeinschaftsaktivismus befassen, lehren? Wie schaffen wir Räume – online und offline –, die Vertrauen und echte Gespräche stärken?

Gemeinsam mit internationalen Expert*innen werden wir untersuchen, wie digitale Technologien, Medienberichte und Gemeinschaftspraktiken sich gegenseitig beeinflussen – indem sie Spaltungen verstärken oder Wege eröffnen, um den Dialog wieder aufzunehmen, die Solidarität zu stärken und die demokratische Kultur durch grenzüberschreitende Zusammenarbeit zu erneuern.

Anmeldung hier.

Ankündigung | Spring Workshop 2026

Rebuilding Bridges: Dialogue, Trust and Solidarity Post October 7th
14. – 18. März 2026 | Brüssel, Belgien

 

Der Future 500 Frühjahrs Workshop “Rebuilding Bridges: Dialogue, Trust and Solidarity Post October 7th”bringt junge europäische Führungskräfte aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen, um die wichtigsten Fragen zu erörtern, die den Dialog und den sozialen Zusammenhalt heute prägen:

Die europäischen Gesellschaften sehen sich angesichts sich verschärfender Krisen einer zunehmenden sozialen Fragmentierung gegenüber. Digitale und analoge Umgebungen beeinflussen zunehmend, wie Gemeinschaften Ereignisse interpretieren, Konflikte bewältigen und Vertrauen aufbauen. Algorithmische Kuration, KI-gesteuerte Kommunikation und sich wandelnde Medienökologien verändern soziale Beziehungen und den öffentlichen Diskurs grundlegend.

Diese Veränderungen gehen einher mit wachsenden gesellschaftlichen Herausforderungen: interreligiöse Polarisierung, durch Vertreibung bedingte soziale Spannungen, zunehmende Desinformation und die Erosion der Dialogfähigkeit nach kollektiven Traumata. Doch dieser kritische Wendepunkt eröffnet auch neue Möglichkeiten für eine erneuerte Zusammenarbeit und demokratisches Engagement.

Das Future 500 Programm lädt Sie ein, sich den Herausforderungen dieser dringenden Veränderungen zu stellen. In Zusammenarbeit mit TWON (Twin of Online Social Networks) und führenden internationalen Experten werden wir untersuchen, wie digitale Technologien, traditionelle Medienberichte und Gemeinschaftspraktiken sich überschneiden – wie sie Spaltung und Misstrauen verstärken können, aber auch, wie sie Wege für den Wiederaufbau des Dialogs, die Stärkung der Solidarität und die Erneuerung der demokratischen Kultur eröffnen können.

 

Format

In Workshops, interaktiven Sitzungen, Simulationen, öffentlichen Veranstaltungen und Begegnungen mit Expert*innen werden die Teilnehmer*innen sowohl die Risiken als auch die Möglichkeiten unserer digitalen und sozialen Umgebungen erkunden, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der Wiederherstellung des Vertrauens zwischen gespaltenen Gemeinschaften liegt.

Der Workshop wird in Zusammenarbeit mit TWON (Twin of Online Social Networks) organisiert, einem von der EU finanzierten Projekt, das sich zum Ziel gesetzt hat, die potenziell schädlichen Auswirkungen sozialer Online-Netzwerke (OSNs) auf demokratische Debatten zu untersuchen und der Europäischen Kommission strategische Empfehlungen für eine mögliche Regulierung von Technologieunternehmen oder Plattformbetreibern zu unterbreiten.

 

Future 500 vernetzt junge europäische Führungskräfte aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Zivilgesellschaft, um durch internationalen interreligiös-weltanschaulichen und interkulturellen Dialog konkrete gesellschaftspolitische Initiativen zu entwickeln und diese in der europäischen Zivilgesellschaft umzusetzen.

Interreligiös-Weltanschaulicher Kalender 2026

Der Interreligiös-Weltanschauliche Kalender 2026 lädt dazu ein, europäische Pluralität zu entdecken. Der Kalender bietet einen Überblick über Feier- und Gedenktage und verweist dabei auf die Vielfalt unserer europäischen Gesellschaft.

Der Interreligiös-Weltanschauliche Kalender vereint Wissen, Begegnung, Tradition und Perspektiven aus unseren europäischen Netzwerken und wird jährlich erweitert und aktualisiert. Ob in Bildungseinrichtungen, in Organisationen oder zuhause – der Kalender schafft neue Möglichkeiten für Begegnung über Grenzen hinweg. Wir verstehen den Kalender als vernetztes Lernfeld für interreligiös-weltanschaulichen Austausch. Der Kalender verweist dabei auf das Anliegen unserer Arbeit: neue Wege des Zusammenhalts in Europa aufzuzeigen, die aktiv zur Überwindung gesellschaftlicher Polarisierung beitragen und Impulse zu bieten für eine resiliente europäische Gemeinschaft.

Design: Liad Shadmi

Zur Bestellung:

Wer den Interreligiös-Weltanschaulichen Kalender 2026 bis Ende des Jahres erhalten möchte, kann sich bis zum 1. Dezember 2025 hier anmelden. Danach beginnt der Versand – also am besten gleich sichern!

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Jahresrückblick 2025

Während Kriege, Krisen und anhaltende Gewalt den interreligiösen Dialog in Europa zunehmend lähmen, verstärkt Future 500 seine praxisorientierte Arbeit.

Im Jahr 2025 kamen Führungskräfte aus ganz Europa zu unseren Workshops in Wien, Chemnitz und Venedig zusammen, um die Zusammenarbeit durch konkrete Projekte zu festigen und Verantwortung für eine demokratische Kultur, sozialen Zusammenhalt und eine internationale Zusammenarbeit zu übernehmen, die Gerechtigkeit und Pluralität schützt.

Für 2026 will Future 500 seine Wirkung weiter ausbauen: durch stärkere Partnerschaften, neue Austauschformate und gezielte Unterstützung an Orten, an denen die Zivilgesellschaft besonders herausgefordert ist. Unser Ziel bleibt ein Europa, in dem Vielfalt geschützt wird, Dialog ermöglicht wird und demokratische Teilhabe selbstverständlich ist.

Sprachbrüche

Wo beginnt ein Bruch – im Wort, im Satz, im Schweigen, in der Geste? Wie gebrochen darf eine Sprache sein, damit in ihr noch geschrieben werden kann?

Mit dem Programm Sprachbrüche setzte das Museum der Migration Wien (MUSMIG) Ende Oktober und Anfang November 2025 einen ersten Auftakt, um diesen und weiteren Fragen nachzugehen. Im kommenden Jahr soll dieser Schwerpunkt in erweitertem Umfang fortgeführt und vertieft werden.

Sprachbrüche bezeichnen Erlebnisse und Erfahrungen an den Bruchkanten einer vielsprachigen Wirklichkeit. Im Herbst 2025 näherte sich das MUSMIG erstmals intensiv diesen sprachlichen Dazwischenräumen. Sprachbrüche – vielleicht mit einer offenen Klammer gedacht: Sprach(_)Brüche – markieren jene Momente, in denen Menschen und die sie umgebenden Sprachen von etwas betroffen sind: wenn die Sprache der (Groß-)Eltern zu entgleiten beginnt; wenn ein Wort aus dem kindlichen Wortschatz verloren geht; oder wenn eine offizielle Umgangssprache keinen Ausdruck für ein Gefühl bereithält, das sich in einer anderen Sprache präzise benennen lässt.

Sprachbrüche sind zugleich Auf- und Abbrüche: wenn die Sprache verweigert wird, in der gegen einen gehetzt wird, und stattdessen neue sprachliche Wege eingeschlagen werden, die neue Freund_innenschaften ermöglichen. Sie sind auch Durchbrüche – Momente, in denen ein Satz, ein Wort, ein Vers die eigenen Grenzen überschreitet und unmittelbar berührt.

Die Geschichten, die aus solchen Brüchen hervorgehen, sind endlos, plural und vielstimmig. Im Zentrum von Sprachbrüche steht ein Ethos: Dort, wo etwas bricht und bröckelt, wo nichts je ein einziges Ganzes gewesen ist, kann Sprache als Brücke und Leiter wirken. Bruch, Getrenntheit und Pluralität fordern dazu auf, kreativ mit den Sprachen umzugehen, die uns umgeben – selbst dann, wenn nur Bruchstücke der einen oder anderen Sprache zur Verfügung stehen.

Faith-Filled Community Organising: Reweaving Trust in an Era of Populism

Das Centre for Theology and Community (CTC) veranstaltete am 19. November 2025 eine partizipative Konferenz, um zuzuhören, sich auszutauschen und zu erfahren, wie glaubensbasierte Gemeinschaftsarbeit dazu beitragen kann, in Zeiten des Populismus Vertrauen aufzubauen.

 

Die Konferenz brachte Gäste aus Glaubensgemeinschaften sowie Wissenschaftler*innen aus Großbritannien, Deutschland, Italien und Portugal zusammen. Alle nahmen an der ersten Konferenz zum Thema glaubensbasierte Gemeinschaftsorganisation teil und leisteten einen Beitrag dazu. Die wichtigsten Projektziele und Ergebnisse werden im Folgenden erläutert:

1. Fortlaufende Zusammenarbeit zwischen Delegationen, Aufbau eines internationalen Netzwerks von Wissenschaftler*innen und Praktikern aus dem Bereich der Religion sowie von Glaubensführer*innen

Dieses Ergebnis wurde erreicht, indem während der gesamten Konferenz bewusst Räume geschaffen wurden, in denen die Delegierten voneinander lernen, praktische Erkenntnisse austauschen und Beziehungen aufbauen konnten, die auf gemeinsamen Werten und Herausforderungen basieren. Teilnehmer*innen aus Glaubensgemeinschaften, Praktiker und Wissenschaftler*innen nahmen an strukturierten Präsentationen, moderierten Diskussionen und Austauschrunden in kleinen Gruppen teil, die zu aufmerksamem Zuhören und gegenseitigem Verständnis anregten. In diesen Sitzungen konnten die Gäste erkunden, wie Glaubensgemeinschaften in ganz Europa auf die zunehmende soziale und politische Polarisierung reagieren. Anhand konkreter Beispiele von Kampagnen, die in Glaubensgemeinschaften verwurzelt sind, bis hin zu interreligiösen Allianzen, die sich mit lokalen Ungleichheiten befassen, konnten die Delegierten aus erster Hand sehen, wie glaubensbasierte Gemeinschaftsarbeit echte Veränderungen bewirken kann.

Somit wurden auf der Konferenz nicht nur wirksame Modelle glaubensbasierter Gemeinschaftsarbeit vorgestellt, sondern auch der Grundstein für ein dauerhaftes internationales Netzwerk gelegt, über das Glaubensführer*innen, Praktiker und Wissenschaftler*innen weiterhin voneinander lernen können. Diese breite Mischung von Teilnehmer*innen trug dazu bei, die Beziehungen zwischen den verschiedenen Sektoren und Ländern zu stärken und lieferte starke Argumente für eine nachhaltige Zusammenarbeit mit Akteuren aus Glaubensgemeinschaften. Durch ihr partizipatives Konzept erzielte die Konferenz das Ergebnis einer langfristigen Zusammenarbeit, indem sie sicherstellte, dass die Delegierten nicht nur mit Wissen, sondern auch mit neuen Beziehungen nach Hause gingen, die den lokalen und nationalen Zusammenhalt in ganz Europa stärken können.

2. Eine gestärkte, auf Glauben basierende Gemeinschaftsorganisation als Modell für sozialen Zusammenhalt und bürgerschaftliches Engagement, das sich an verschiedene europäische Kontexte anpassen lässt

Dieses Ergebnis wurde durch die Einberufung der ersten internationalen Tagung erzielt, die sich speziell mit der Rolle des Glaubens in der Gemeinschaftsorganisation befasste. Die Konferenz brachte Glaubensführer*innen, Praktiker und Wissenschaftler*innen zu einem ganzen Tag der gemeinsamen Reflexion zusammen und ermöglichte es den Teilnehmer*innen, Ansätze zu vergleichen, Erfahrungen auszutauschen und zu artikulieren, wie Glaubenstraditionen das öffentliche Engagement und die Bürgerbeteiligung inspirieren können. In strukturierten Dialogrunden untersuchten die Teilnehmer*innen, wie die Stärkung des internen Lebens von Glaubensinstitutionen – durch den Aufbau von Beziehungen, die Entwicklung von Führungsqualitäten und das Zuhören vor Ort – die Grundlage für starke Institutionen schafft.

Die Delegierten brachten Beispiele aus ganz Europa ein und zeigten, wie Glaubensgemeinschaften herausgefordert werden oder sich als Reaktion auf die jüngsten politischen und sozialen Belastungen, darunter die Pandemie, die Krise der Lebenshaltungskosten, Migrationsdebatten und der Aufstieg des Rechtspopulismus, angepasst haben. Diese Beiträge zeigten, dass der Glaube sowohl widerstandsfähig als auch flexibel bleibt und in der Lage ist, lokale Bedürfnisse zu erfüllen und gleichzeitig Brücken über Unterschiede hinweg zu bauen. Diese gemeinsame Reflexion vertiefte das kollektive Verständnis dafür, was eine glaubensbasierte Gemeinschaftsorganisation effektiv und auf verschiedene nationale und kulturelle Kontexte übertragbar macht.

3. Eine veröffentlichte Quelle mit Erkenntnissen, Fallstudien und Reflexionen

Die vielfältigen praktischen Erkenntnisse, die während der Konferenz gewonnen wurden, werden in einer gemeinsamen Publikation zusammengefasst, die Praktikern und Forscher*innen als langfristige Ressource dienen wird. Dieser Konferenzbericht fasst die wichtigsten Erkenntnisse, die vorgestellten Fallstudien und die sich daraus ergebenden Fragen zusammen, die die zukünftigen Bemühungen um eine glaubensbasierte Gemeinschaftsorganisation prägen werden. Die Veranstaltung und der Konferenzbericht, der darauf folgt, werden auch weiterhin als wirkungsvolle Instrumente für kontinuierliches Lernen, die Förderung weiterer Zusammenarbeit und die Unterstützung einer breiteren Verbreitung glaubensbasierter Organisationspraktiken in ganz Europa dienen. Das Vermächtnis des Projekts wird weit über die Konferenz hinausreichen.

Fazit

Die Konferenz zeigte, dass in ganz Europa ein wachsendes Interesse an einer vertieften Zusammenarbeit, gemeinsamen Überlegungen und kollektiven Maßnahmen besteht, die auf Glauben und Gemeinschaftsorganisation basieren. Sie brachte Führungskräfte und Denker zusammen, die sich in einem zunehmend komplexen sozialen und politischen Umfeld bewegen, sich aber dennoch für den Aufbau von Vertrauen, die Stärkung von Beziehungen und die Förderung widerstandsfähiger Gemeinschaften engagieren. Die Ergebnisse der Veranstaltung, neue internationale Partnerschaften, ein vertieftes Verständnis für glaubensbasierte Gemeinschaftsorganisation und eine bevorstehende Veröffentlichung markieren einen wichtigen Schritt in der Entwicklung eines stärker vernetzten und selbstbewussteren Praxisbereichs.

Angesichts der anhaltenden Polarisierung, des Populismus und der sozialen Fragmentierung in Europa unterstreichen die Erkenntnisse aus dieser Zusammenkunft, wie wichtig es ist, in glaubensbasierte zivilgesellschaftliche Führungskräfte und in Instrumente zur Gemeinschaftsorganisation zu investieren, die den Gemeinschaften helfen, gemeinsam für das Gemeinwohl zu handeln. Die auf dieser Konferenz initiierte Arbeit wird durch kontinuierliche Zusammenarbeit, künftige gemeinsame Projekte und eine bevorstehende Veröffentlichung, die diese Erkenntnisse weiterführen wird, weiterentwickelt werden. Aufbauend auf der Energie der Veranstaltung hoffen wir, in jedem teilnehmenden Land (und möglicherweise auch in anderen) ein Forschungsprojekt durchzuführen, um Fallstudien zu wirksamen Praktiken zu sammeln und gemeinsam das erste Toolkit und die erste Ressourcenbibliothek für glaubensbasierte Gemeinschaftsorganisation zu erstellen.

Diese Forschung ist sowohl relevant als auch dringend. In allen vertretenen Ländern sehen sich Glaubensgemeinschaften mit zunehmender Polarisierung, der Verbreitung populistischer Narrative und wachsendem Druck auf die demokratische Kultur konfrontiert. Gleichzeitig verfügen sie über vertrauensvolle Beziehungen, moralische Autorität und ein Engagement für das Gemeinwohl, was sie in eine einzigartige Position versetzt, um Gräben zu überbrücken. Ein Forschungsprojekt könnte Glaubensführer*innen, Praktikern und politischen Entscheidungsträger*innen, die nach konstruktiven, hoffnungsvollen Wegen suchen, um das zivile Leben im aktuellen Kontext zu stärken, zeitgemäße Orientierungshilfen bieten. Die Erkenntnisse könnten direkt auf die aktuellen Herausforderungen eingehen und dazu beitragen, eine proaktive statt einer reaktiven Reaktion zu entwickeln.

Dies ermöglicht es nicht nur, die besonderen Herausforderungen und Stärken jedes einzelnen Kontexts zu verstehen, sondern auch gemeinsame Ressourcen zu schaffen, die länderübergreifend genutzt und als konstruktive Gegenposition zum Populismus gefördert werden können.

 

Rückblick: European Leadership Workshop 2025

Future 500 European Leadership Workshop 2025
Plurality in Europe – Venice as a Case Study for Interreligious and Worldview Relations

7.-11. Oktober 2025
Ort: Venedig, Italien
DialoguePerspectives e.V. in Partnerschaft mit dem Centro Tedesco di Studi Veneziani

Europas Fähigkeit, religiöse und kulturelle Pluralität zu gestalten, wird grundlegend über seine zukünftige Stabilität und seinen Zusammenhalt entscheiden. Der Future 500 European Leadership Workshop 2025 nutzte Venedigs historische Erfahrung mit religiöser und kultureller Vielfalt als methodischen Rahmen zur Untersuchung gegenwärtiger interreligiöser und weltanschaulicher Beziehungen und demonstrierte, dass historische Präzedenzfälle unverzichtbare Orientierung für die Bewältigung heutiger Herausforderungen bieten. Das Programm versammelte 20 gegenwärtige und künftige europäische Führungspersönlichkeiten mit vielfältigen beruflichen, geografischen und fachlichen Hintergründen zu einer intensiven kollaborativen Analyse historischer Modelle und ihrer zeitgenössischen Anwendungen. Der Workshop befasste sich mit allen Dimensionen der Arbeit von Future 500: der Untersuchung der Rolle von Religionen und Weltanschauungen in pluralistischen Gesellschaften, der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Erinnerungskulturen und der Entwicklung von Strategien zur Bekämpfung von Antisemitismus und Rassismus. Die Ergebnisse belegen, dass das Zusammenbringen pluralistischer Kohorten engagierter Personen mit unterschiedlichen Hintergründen zur Bewältigung gegenwärtiger Herausforderungen durch kollaboratives Lernen und Zusammenarbeit substanzielle Resultate erzielt. Dieser Ansatz stellt ein replizierbares und skalierbares Modell für europäische Zusammenarbeit dar, das Stärkung und Ausweitung verdient.

 

Der Workshop begann mit einer Keynote von Prof. Dr. Rafael Arnold (Universität Rostock), der aufzeigte, wie das Ghetto als Miniaturdarstellung jüdischer Existenz diente – ein Raum, der durch unterschiedliche Herkünfte, Sprachen und religiöse Praktiken definiert war. Führungen durch die Scola Italiana und Scola Spagnola Synagogen offenbarten, wie Venedigs jüdische Bevölkerung ihre einzigartigen Identitäten bewahrte und zugleich aktiv an der öffentlichen Sphäre der Stadt teilnahm. In seiner Präsentation Planetary Ghetto: Past, Present, Future Misunderstandings untersuchte Prof. Dr. Shaul Bassi (Ca‘ Foscari Universität Venedig; Beit Venezia), wie moderner antisemitischer Diskurs auf verfälschten historischen Darstellungen jüdischer Gemeinschaften beruht. Er charakterisierte das Ghetto als dynamisches Zentrum intellektueller Aktivität und Widerstandsfähigkeit und zog Verbindungen zwischen dem Venedig des 16. Jahrhunderts und gegenwärtigen Auseinandersetzungen mit Antisemitismus und klimabedingter Vertreibung. Dr. Francesco Piraino (Cini Foundation) analysierte, wie die muridischen senegalesisch-italienischen Künstler Maïmouna Guerresi und Moulay Niang kreativen Ausdruck mit spiritueller Auseinandersetzung verbinden, um Rassismus und Sexismus zu konfrontieren. Mit Verweis auf Venedigs multireligiöses Erbe – einschließlich jüdischer, armenischer und christlicher Bevölkerungen, die Seite an Seite lebten – illustrierte er die Fähigkeit der Kunst, theologische und kulturelle Unterschiede zu überbrücken. Der in Berlin lebende Schriftsteller Deniz Utlu las aus seinem Roman „Vaters Meer“ und diskutierte mit Petra Schäfer (Centro Tedesco di Studi Veneziani), wie individuelle und kollektive Erinnerungen an Migration und Identität sich überschneiden und den Dialog in pluralistischen Gesellschaften zu bereichern. Matteo Gabrielli leitete eine Führung, die Venedigs historische Ansätze zum Umgang mit Vielfalt hervorhob: selbstverwaltete, aber verbundene Gemeinschaften, zunftbasierte wirtschaftliche Partnerschaft, gerechte Rechtsstrukturen und religiöse Pluralismusmechanismen, die den sozialen Zusammenhalt bewahrten.

     

In einem World-Café-Format präsentierten die Teilnehmer*innen ihre eigenen Projekte, vertieften die Kontextualisierung der Workshop-Themen durch praktische Beispiele und förderten disziplinübergreifenden Dialog. Im gesamten Programm waren die Diskussionen durchdrungen vom Bewusstsein für drängende zeitgenössische Herausforderungen: die allgegenwärtige Klimakrise und ihre Auswirkungen auf Vertreibung und sozialen Zusammenhalt sowie das im Nahen Osten in Vorbereitung befindliche Friedensabkommen, das einen aktuellen Hintergrund für Reflexionen über Dialog und Konfliktlösung bot.

Vier Kernprinzipien kristallisierten sich in diesen Sitzungen heraus:

  1. Institutionen sollten Vielfalt ermöglichen und gleichzeitig bürgerliche Identität fördern.
  2. Kultureller Dialog gelingt auch innerhalb hierarchischer Strukturen; die Demokratisierung dieser Strukturen kann soziale Transformation katalysieren.
  3. Wirtschaftliche gegenseitige Abhängigkeit fördert kollaborative Beziehungen.
  4. Separate Identitäten können innerhalb gemeinsamer bürgerlicher Rahmenstrukturen harmonisch existieren.

     

Die 20 Teilnehmer*innen – aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Kunst und religiösen Institutionen – wendeten diese Erkenntnisse an, um ein kollaboratives Policy Paper weiterzuentwickeln: Strengthening European Unity Through Faith and Worldview Engagement. Dieses Policy Paper überträgt historisches Lernen in konkrete Vorschläge in vier Bereichen: Partnerschaft mit Glaubensgemeinschaften zur Stärkung des sozialen Zusammenhalts und Harmonisierung religiöser Vielfalt mit kollektiven Prinzipien, Umgang mit Erinnerungskulturen, Bekämpfung von Antisemitismus und Rassismus. Die Ergebnisse werden Ende 2025 im DialoguePerspectives e.V. Bericht veröffentlicht und bieten praktische Orientierung für politische Entscheidungsträger*innen, zivilgesellschaftliche Organisationen sowie religiöse Gemeinschaften in ganz Europa.

Der Workshop bekräftigte, dass historische Einsicht für zeitgenössischen Pluralismus notwendig bleibt: Venedigs jahrhundertelange Erfahrung offenbart sowohl das Versprechen als auch die Komplexität des Zusammenlebens mit Differenz. Das entstehende Netzwerk von Führungspersönlichkeiten wird diese Einsichten weiterhin in ganz Europa vorantreiben und die Mission von Future 500 verstärken, Einheit durch Vielfalt zu stärken.

Forschungsprojekt: Psychosoziale Auswirkungen auf Palästinenser*innen und Jüdinnen und Juden in Deutschland nach dem 7. Oktober und dem Gaza-Krieg

Mohammed Arfan Ashmawi und Sophie Orentlikher, er palästinensisch, sie jüdisch, sind Studierende der Katholischen Hochschule in Aachen. Im Rahmen ihres Masters der klinisch- therapeutischen Sozialen Arbeit haben sie es sich als Aufgabe gemacht Aufmerksamkeit zu schaffen für die Betroffenheiten von in Deutschland lebenden Menschen in Bezug auf die Geschehnisse in Israel und Palästina der letzten zwei Jahre. So stellten sie sich die Fragen, welche psychosoziale Auswirkungen der 7. Oktober und der Krieg in Gaza auf Jüdinnen und Juden und Palästinenser*innen in Deutschland habe, inwiefern die generationsübergreifende Weitergabe von Trauma ihr Leben im Hier und Jetzt beeinflusse und welche Rolle die deutsche Dominanzgesellschaft in der Verarbeitung von Schmerz spiele. Ihr Forschungsprojekt widmete sie ebendiesen Überlegungen. Durch biografische Tiefeninterviews mit 15 jüdischen und 15 palästinensischen Personen wurde den Proband:innen eine Plattform gegeben, ihre Erfahrungen, ihren Schmerz und ihre Geschichte zu erzählen. Der Ansatz ist emanzipatorischer Natur- statt, dass über Betroffene gesprochen wird, werden ihre Stimmen hörbar gemacht. Selektives Hinschauen und Beleuchten dessen, was in Israel und Palästina passiert ist nicht erst seit dem 7. Oktober ein gesamtgesellschaftliches Problem, welches sich bis in akademische und wissenschaftliche Räume zieht. Dieses Projekt möchte dem etwas entgegensetzen und ohne gleichzusetzen unterschiedliche Fälle in Beziehung miteinander bringen, sowie die vermeintliche Binarität aufzubrechen, da die jüdische und palästinensische Diaspora und Gemeinschaft sehr heterogen ist. 

Im Zuge der Datenauswertung werden Handlungsanweisungen für die Soziale Arbeit und das Versorgungssystem formuliert. Denn die Forschung verdeutlicht, dass in einem Einwanderungsland wie Deutschland transnationale Konflikte auch hier ausgetragen werden und Wunden hinterlassen.