Sprachbrüche

Wo beginnt ein Bruch – im Wort, im Satz, im Schweigen, in der Geste? Wie gebrochen darf eine Sprache sein, damit in ihr noch geschrieben werden kann?

Mit dem Programm Sprachbrüche setzte das Museum der Migration Wien (MUSMIG) Ende Oktober und Anfang November 2025 einen ersten Auftakt, um diesen und weiteren Fragen nachzugehen. Im kommenden Jahr soll dieser Schwerpunkt in erweitertem Umfang fortgeführt und vertieft werden.

Sprachbrüche bezeichnen Erlebnisse und Erfahrungen an den Bruchkanten einer vielsprachigen Wirklichkeit. Im Herbst 2025 näherte sich das MUSMIG erstmals intensiv diesen sprachlichen Dazwischenräumen. Sprachbrüche – vielleicht mit einer offenen Klammer gedacht: Sprach(_)Brüche – markieren jene Momente, in denen Menschen und die sie umgebenden Sprachen von etwas betroffen sind: wenn die Sprache der (Groß-)Eltern zu entgleiten beginnt; wenn ein Wort aus dem kindlichen Wortschatz verloren geht; oder wenn eine offizielle Umgangssprache keinen Ausdruck für ein Gefühl bereithält, das sich in einer anderen Sprache präzise benennen lässt.

Sprachbrüche sind zugleich Auf- und Abbrüche: wenn die Sprache verweigert wird, in der gegen einen gehetzt wird, und stattdessen neue sprachliche Wege eingeschlagen werden, die neue Freund_innenschaften ermöglichen. Sie sind auch Durchbrüche – Momente, in denen ein Satz, ein Wort, ein Vers die eigenen Grenzen überschreitet und unmittelbar berührt.

Die Geschichten, die aus solchen Brüchen hervorgehen, sind endlos, plural und vielstimmig. Im Zentrum von Sprachbrüche steht ein Ethos: Dort, wo etwas bricht und bröckelt, wo nichts je ein einziges Ganzes gewesen ist, kann Sprache als Brücke und Leiter wirken. Bruch, Getrenntheit und Pluralität fordern dazu auf, kreativ mit den Sprachen umzugehen, die uns umgeben – selbst dann, wenn nur Bruchstücke der einen oder anderen Sprache zur Verfügung stehen.

Faith-Filled Community Organising: Reweaving Trust in an Era of Populism

Das Centre for Theology and Community (CTC) veranstaltete am 19. November 2025 eine partizipative Konferenz, um zuzuhören, sich auszutauschen und zu erfahren, wie glaubensbasierte Gemeinschaftsarbeit dazu beitragen kann, in Zeiten des Populismus Vertrauen aufzubauen.

 

Die Konferenz brachte Gäste aus Glaubensgemeinschaften sowie Wissenschaftler*innen aus Großbritannien, Deutschland, Italien und Portugal zusammen. Alle nahmen an der ersten Konferenz zum Thema glaubensbasierte Gemeinschaftsorganisation teil und leisteten einen Beitrag dazu. Die wichtigsten Projektziele und Ergebnisse werden im Folgenden erläutert:

1. Fortlaufende Zusammenarbeit zwischen Delegationen, Aufbau eines internationalen Netzwerks von Wissenschaftler*innen und Praktikern aus dem Bereich der Religion sowie von Glaubensführer*innen

Dieses Ergebnis wurde erreicht, indem während der gesamten Konferenz bewusst Räume geschaffen wurden, in denen die Delegierten voneinander lernen, praktische Erkenntnisse austauschen und Beziehungen aufbauen konnten, die auf gemeinsamen Werten und Herausforderungen basieren. Teilnehmer*innen aus Glaubensgemeinschaften, Praktiker und Wissenschaftler*innen nahmen an strukturierten Präsentationen, moderierten Diskussionen und Austauschrunden in kleinen Gruppen teil, die zu aufmerksamem Zuhören und gegenseitigem Verständnis anregten. In diesen Sitzungen konnten die Gäste erkunden, wie Glaubensgemeinschaften in ganz Europa auf die zunehmende soziale und politische Polarisierung reagieren. Anhand konkreter Beispiele von Kampagnen, die in Glaubensgemeinschaften verwurzelt sind, bis hin zu interreligiösen Allianzen, die sich mit lokalen Ungleichheiten befassen, konnten die Delegierten aus erster Hand sehen, wie glaubensbasierte Gemeinschaftsarbeit echte Veränderungen bewirken kann.

Somit wurden auf der Konferenz nicht nur wirksame Modelle glaubensbasierter Gemeinschaftsarbeit vorgestellt, sondern auch der Grundstein für ein dauerhaftes internationales Netzwerk gelegt, über das Glaubensführer*innen, Praktiker und Wissenschaftler*innen weiterhin voneinander lernen können. Diese breite Mischung von Teilnehmer*innen trug dazu bei, die Beziehungen zwischen den verschiedenen Sektoren und Ländern zu stärken und lieferte starke Argumente für eine nachhaltige Zusammenarbeit mit Akteuren aus Glaubensgemeinschaften. Durch ihr partizipatives Konzept erzielte die Konferenz das Ergebnis einer langfristigen Zusammenarbeit, indem sie sicherstellte, dass die Delegierten nicht nur mit Wissen, sondern auch mit neuen Beziehungen nach Hause gingen, die den lokalen und nationalen Zusammenhalt in ganz Europa stärken können.

2. Eine gestärkte, auf Glauben basierende Gemeinschaftsorganisation als Modell für sozialen Zusammenhalt und bürgerschaftliches Engagement, das sich an verschiedene europäische Kontexte anpassen lässt

Dieses Ergebnis wurde durch die Einberufung der ersten internationalen Tagung erzielt, die sich speziell mit der Rolle des Glaubens in der Gemeinschaftsorganisation befasste. Die Konferenz brachte Glaubensführer*innen, Praktiker und Wissenschaftler*innen zu einem ganzen Tag der gemeinsamen Reflexion zusammen und ermöglichte es den Teilnehmer*innen, Ansätze zu vergleichen, Erfahrungen auszutauschen und zu artikulieren, wie Glaubenstraditionen das öffentliche Engagement und die Bürgerbeteiligung inspirieren können. In strukturierten Dialogrunden untersuchten die Teilnehmer*innen, wie die Stärkung des internen Lebens von Glaubensinstitutionen – durch den Aufbau von Beziehungen, die Entwicklung von Führungsqualitäten und das Zuhören vor Ort – die Grundlage für starke Institutionen schafft.

Die Delegierten brachten Beispiele aus ganz Europa ein und zeigten, wie Glaubensgemeinschaften herausgefordert werden oder sich als Reaktion auf die jüngsten politischen und sozialen Belastungen, darunter die Pandemie, die Krise der Lebenshaltungskosten, Migrationsdebatten und der Aufstieg des Rechtspopulismus, angepasst haben. Diese Beiträge zeigten, dass der Glaube sowohl widerstandsfähig als auch flexibel bleibt und in der Lage ist, lokale Bedürfnisse zu erfüllen und gleichzeitig Brücken über Unterschiede hinweg zu bauen. Diese gemeinsame Reflexion vertiefte das kollektive Verständnis dafür, was eine glaubensbasierte Gemeinschaftsorganisation effektiv und auf verschiedene nationale und kulturelle Kontexte übertragbar macht.

3. Eine veröffentlichte Quelle mit Erkenntnissen, Fallstudien und Reflexionen

Die vielfältigen praktischen Erkenntnisse, die während der Konferenz gewonnen wurden, werden in einer gemeinsamen Publikation zusammengefasst, die Praktikern und Forscher*innen als langfristige Ressource dienen wird. Dieser Konferenzbericht fasst die wichtigsten Erkenntnisse, die vorgestellten Fallstudien und die sich daraus ergebenden Fragen zusammen, die die zukünftigen Bemühungen um eine glaubensbasierte Gemeinschaftsorganisation prägen werden. Die Veranstaltung und der Konferenzbericht, der darauf folgt, werden auch weiterhin als wirkungsvolle Instrumente für kontinuierliches Lernen, die Förderung weiterer Zusammenarbeit und die Unterstützung einer breiteren Verbreitung glaubensbasierter Organisationspraktiken in ganz Europa dienen. Das Vermächtnis des Projekts wird weit über die Konferenz hinausreichen.

Fazit

Die Konferenz zeigte, dass in ganz Europa ein wachsendes Interesse an einer vertieften Zusammenarbeit, gemeinsamen Überlegungen und kollektiven Maßnahmen besteht, die auf Glauben und Gemeinschaftsorganisation basieren. Sie brachte Führungskräfte und Denker zusammen, die sich in einem zunehmend komplexen sozialen und politischen Umfeld bewegen, sich aber dennoch für den Aufbau von Vertrauen, die Stärkung von Beziehungen und die Förderung widerstandsfähiger Gemeinschaften engagieren. Die Ergebnisse der Veranstaltung, neue internationale Partnerschaften, ein vertieftes Verständnis für glaubensbasierte Gemeinschaftsorganisation und eine bevorstehende Veröffentlichung markieren einen wichtigen Schritt in der Entwicklung eines stärker vernetzten und selbstbewussteren Praxisbereichs.

Angesichts der anhaltenden Polarisierung, des Populismus und der sozialen Fragmentierung in Europa unterstreichen die Erkenntnisse aus dieser Zusammenkunft, wie wichtig es ist, in glaubensbasierte zivilgesellschaftliche Führungskräfte und in Instrumente zur Gemeinschaftsorganisation zu investieren, die den Gemeinschaften helfen, gemeinsam für das Gemeinwohl zu handeln. Die auf dieser Konferenz initiierte Arbeit wird durch kontinuierliche Zusammenarbeit, künftige gemeinsame Projekte und eine bevorstehende Veröffentlichung, die diese Erkenntnisse weiterführen wird, weiterentwickelt werden. Aufbauend auf der Energie der Veranstaltung hoffen wir, in jedem teilnehmenden Land (und möglicherweise auch in anderen) ein Forschungsprojekt durchzuführen, um Fallstudien zu wirksamen Praktiken zu sammeln und gemeinsam das erste Toolkit und die erste Ressourcenbibliothek für glaubensbasierte Gemeinschaftsorganisation zu erstellen.

Diese Forschung ist sowohl relevant als auch dringend. In allen vertretenen Ländern sehen sich Glaubensgemeinschaften mit zunehmender Polarisierung, der Verbreitung populistischer Narrative und wachsendem Druck auf die demokratische Kultur konfrontiert. Gleichzeitig verfügen sie über vertrauensvolle Beziehungen, moralische Autorität und ein Engagement für das Gemeinwohl, was sie in eine einzigartige Position versetzt, um Gräben zu überbrücken. Ein Forschungsprojekt könnte Glaubensführer*innen, Praktikern und politischen Entscheidungsträger*innen, die nach konstruktiven, hoffnungsvollen Wegen suchen, um das zivile Leben im aktuellen Kontext zu stärken, zeitgemäße Orientierungshilfen bieten. Die Erkenntnisse könnten direkt auf die aktuellen Herausforderungen eingehen und dazu beitragen, eine proaktive statt einer reaktiven Reaktion zu entwickeln.

Dies ermöglicht es nicht nur, die besonderen Herausforderungen und Stärken jedes einzelnen Kontexts zu verstehen, sondern auch gemeinsame Ressourcen zu schaffen, die länderübergreifend genutzt und als konstruktive Gegenposition zum Populismus gefördert werden können.

 

Forschungsprojekt: Psychosoziale Auswirkungen auf Palästinenser*innen und Jüdinnen und Juden in Deutschland nach dem 7. Oktober und dem Gaza-Krieg

Mohammed Arfan Ashmawi und Sophie Orentlikher, er palästinensisch, sie jüdisch, sind Studierende der Katholischen Hochschule in Aachen. Im Rahmen ihres Masters der klinisch- therapeutischen Sozialen Arbeit haben sie es sich als Aufgabe gemacht Aufmerksamkeit zu schaffen für die Betroffenheiten von in Deutschland lebenden Menschen in Bezug auf die Geschehnisse in Israel und Palästina der letzten zwei Jahre. So stellten sie sich die Fragen, welche psychosoziale Auswirkungen der 7. Oktober und der Krieg in Gaza auf Jüdinnen und Juden und Palästinenser*innen in Deutschland habe, inwiefern die generationsübergreifende Weitergabe von Trauma ihr Leben im Hier und Jetzt beeinflusse und welche Rolle die deutsche Dominanzgesellschaft in der Verarbeitung von Schmerz spiele. Ihr Forschungsprojekt widmete sie ebendiesen Überlegungen. Durch biografische Tiefeninterviews mit 15 jüdischen und 15 palästinensischen Personen wurde den Proband:innen eine Plattform gegeben, ihre Erfahrungen, ihren Schmerz und ihre Geschichte zu erzählen. Der Ansatz ist emanzipatorischer Natur- statt, dass über Betroffene gesprochen wird, werden ihre Stimmen hörbar gemacht. Selektives Hinschauen und Beleuchten dessen, was in Israel und Palästina passiert ist nicht erst seit dem 7. Oktober ein gesamtgesellschaftliches Problem, welches sich bis in akademische und wissenschaftliche Räume zieht. Dieses Projekt möchte dem etwas entgegensetzen und ohne gleichzusetzen unterschiedliche Fälle in Beziehung miteinander bringen, sowie die vermeintliche Binarität aufzubrechen, da die jüdische und palästinensische Diaspora und Gemeinschaft sehr heterogen ist. 

Im Zuge der Datenauswertung werden Handlungsanweisungen für die Soziale Arbeit und das Versorgungssystem formuliert. Denn die Forschung verdeutlicht, dass in einem Einwanderungsland wie Deutschland transnationale Konflikte auch hier ausgetragen werden und Wunden hinterlassen. 

Strength in Solidarity

In Kooperation mit der Alliance Foundation unterstützte DialoguePerspectives e.V. das Projekt „Jewish-Muslim initiated Flinta*hood“ als Teil des jüdisch-muslimischen Solidaritätsprogramms. Das ebenfalls von OFEK e.V. geförderte Projekt konzentriert sich auf die Vernetzung von jüdischen und muslimischen Frauen*.

Eindrücke und Einsichten von den Organisator*innen:

In einer Zeit, die von zunehmender Entmenschlichung, Empathielosigkeit sowie wachsendem Rassismus und Antisemitismus geprägt ist, setzt ein jüdisch-muslimisch initiiertes feministisches Bündnis ein klares Zeichen: Solidarität. Doch wie kann Solidarität jenseits symbolischer Gesten in einer Welt voller Widersprüche und Machtverhältnisse konkret gelebt werden?

Diese Frage bildet den Ausgangspunkt für die Arbeit des Bündnisses. Ziel ist es, Solidarität gemeinsam zu erlernen und so zu leben, dass sie Kraft spendet – sowohl individuell als auch kollektiv. Es geht darum, einander zu stärken und gemeinsam Wege zu finden, dem allgegenwärtigen Gefühl politischer und gesellschaftlicher Ohnmacht etwas entgegenzusetzen. Solidarität soll nicht nur ein Ideal bleiben, sondern aktiv gelebt und aufrechterhalten werden.

Zentrale Voraussetzung hierfür ist das Schaffen von Begegnungsräumen – Räume jenseits der Dominanzgesellschaft, frei von Instrumentalisierung, in denen Austausch, Empowerment und gegenseitiges Verstehen möglich sind.

Beim ersten öffentlichen Vernetzungstreffen im November 2024 äußerten viele Teilnehmende ihre große Wertschätzung für diesen neu geschaffenen Raum, in dem sie sich nicht erklären mussten und auf echtes Verständnis trafen. Die daraus entstandene Dynamik führte zur Organisation eines weiteren Treffens am 8. Mai 2025 im Kulturraum Oya in Köln. FLINTA-Personen unterschiedlichster Hintergründe und Generationen kamen dort zusammen. Einige waren bereits beim ersten Treffen dabei, neue Gesichter kamen hinzu – es entstanden verbindende Gespräche, und zwischenmenschliche Beziehungen wurden vertieft. Gerade der Austausch zwischen den Communities erwies sich als kraftvoller Akt des Widerstands gegen Versuche, sie gegeneinander auszuspielen.

Aufbauend auf diesen Begegnungen wurde am 1. Juni 2025 ein ganztägiger Workshop zum Thema Solidarität veranstaltet, geleitet von Elif Gökpinar und Anna Feldbein (Ofek), beide mit umfangreicher Erfahrung in antirassistischer, antisemitismuskritischer und solidarischer Bündnisarbeit. Die Teilnehmenden brachten ihre Erfahrungen ein, reflektierten gemeinsam und entwickelten Ideen, wie diese in ein dauerhaft tragfähiges Bündnis einfließen können.

Ein Zitat von Audre Lorde prägte die inhaltliche Arbeit im Workshop:
„You do not have to be me in order for us to fight alongside each other. I do not have to be you to recognize that our wars are the same.“

Dieser Gedanke – dass Solidarität auch das Aushalten von Ambiguitäten und Gleichzeitigkeiten erfordert – zog sich wie ein roter Faden durch den Tag. In der Verbindung aus Inputs der Referent*innen und praxisnahen Übungen wurde der oft abstrakt verwendete Begriff „Solidarität“ greifbar. Im Vordergrund stand dabei nicht nur das Vermitteln von Inhalten, sondern auch das Anstoßen persönlicher Reflexion: Solidarität lässt sich nicht an einem Tag erlernen, sondern ist ein fortlaufender Prozess.

Zum Abschluss des Workshops stärkten sich die Teilnehmenden bei libanesischem Essen und tanzten gemeinsam zwei traditionelle Tänze – einen jüdisch-jemenitischen sowie den kurdischen Halay. Diese symbolische wie gelebte Verbindung war ein weiterer Schritt auf dem Weg hin zu einer wachsenden jüdisch-muslimisch initiierten Solidarität.